Dienstag, 13. August 2013

Wer will schon nach Mainz?

Ja, das waren noch Zeiten, als die schwäb´sche Eise´bahn von Stuttgart über Ulm und Biberach brave Bäuerle beförderte und man am Schalter ein Billetle kaufen konnte. Wenn man den stets pünktlichen Zug gerade noch auf den letzten Drücker erwischte, erstand man seinen Fahrschein beim Schaffner, suchte sich einen Sitzplatz und dachte nicht darüber nach, ob man den Anschlusszug noch bekommen würde. Früher war halt alles besser, da sind wir uns doch einig, oder?

„Schmarrn!“, wird uns Peter Ramsauer, Bundesminister für die kostengünstige Verschickung humaner Reisegüter, entgegenschleudern. Seit vielen Jahren wird die Bahn verbessert. Man entwickelt neue Konzepte, trennt den Zug wirtschaftlich von der Schiene und schließt kostenintensive Service-Points, um zu verhindern, dass Kunden, die früher Reisende hießen, falsch beraten werden. Da also die Bahn über Jahrzehnte ständig verbessert wurde, kann früher überhaupt nichts besser gewesen sein. Logisch? Nein, falsche Frage. Die richtige Frage lautet: Basta!

Kein anderer Kostenfaktor bietet so viel Einsparpotenzial wie der Mitarbeiter. Aus einem Schaltschrank kann man keine Sicherung entfernen, ohne dass das System zusammenbricht, aber eine Belegschaft kann man locker um die Hälfte verringern. Wozu braucht man Schalter, wenn es Automaten gibt? Begeisterte Kunden nutzen ihre neu erworbene Freiheit beim Surfen im Internet und finden so immer neue Wege, die nach Rom führen, selbst wenn sie eigentlich nach Braunschweig wollen. Sie drucken ihre Fahrscheine zuhause aus und genießen die rasante Fahrt meist stehend und in geselliger Runde. Natürlich kann man auch eine Sitzplatz-Reservierung buchen und hat damit einen Sitzplatz in Reserve, falls der Zug wider Erwarten doch nicht überfüllt sein sollte. Immer schnellere Züge bieten immer mehr Verspätungspotenzial und das Umsteige-Bingo ist nach der Ziehung der Lottozahlen das bekannteste Glücksspiel in Deutschland. Die Bahn kommt. Jede Frage nach dem „wann“ zeugt von Kleingeistigkeit und würde die lange Tradition von Freiheit und Abenteuer zunichte machen, die wir uns seit dem Orientexpress und der Transsibirischen mühsam bewahrt haben.

Die enormen Effizienzsteigerungen, die wir seit Jahren beobachten, haben natürlich auch dazu geführt, dass Bahnfahren immer billiger wurde. Die Fahrten kosten zwar immer mehr Geld, doch aus dem luxuriösen Beförderungsmittel von einst ist heute ein billiger Viehtransporter geworden, in dem sich schwitzende Leiber gegeneinander drängen, eingepfercht in rasende Sardinenbüchsen, von denen wir hoffen, dass sie dort ankommen, wohin wir eigentlich wollen – zum Beispiel nach Mainz – während wir jeden Gedanken an Wartungsintervalle aus unserem Bewusstsein verdrängen. Wir ertragen all dies klaglos, denn in unserem tiefsten Inneren erfüllt uns der Gedanke, dass die Bahn das ökologischste aller Transportmittel ist, mit tiefer Befriedigung. Zurück zur Natur kann nur mit der Bahn gelingen, in deren Zügen wir im Sommer schwitzen und im Winter frieren – ganz so, wie es sein soll.

Im Ringelreihen der Wahlkampfthemen hat die Bahn jetzt ebenfalls einen Platz gefunden. Es wird diskutiert, vor- und zurückgeschlagen und jeder hat etwas beizusteuern. Regierung, Opposition und Experten streiten um die richtige Richtung, um Geld und Wählerstimmen, doch am Schluss wird es so sein wie immer und das Ende ist absehbar. Wer nur eingleisig denkt, darf sich nicht wurden, wenn sein Zug nach Nirgendwo fährt.

Montag, 5. August 2013

Mein Recht auf Gemüsesuppe

Grün ist die Hoffnung, sagt ein altes Sprichwort, doch nach meiner Meinung ist es hoffnungslos daneben, was Frau Künast in einem Interview kürzlich zum Besten gab. Sie plädiert für die Einführung eines „Veggie-Day“. Einmal abgesehen davon, dass „Gemüsetag“ auch ein schönes Wort ist, aber leider längst nicht so „hip“ (modern) klingt wie „Veggie-Day“, ist die Idee, die dahintersteckt, im Grunde wirklich nicht schlecht. In Deutschland ist der Konsum von Fleisch und Fleischprodukten ziemlich hoch und es würde nicht schaden, ihn ein wenig nach unten zu fahren. 

Gut gemeint ist wieder einmal das Gegenteil von gut gemacht. Der „Veggie-Day“ passt deshalb unglaublich gut in die politische „Sour-Gherkin-Time“ (Saure-Gurken-Zeit) zwischen Sommeranfang und Bundestagswahl. Ausgerechnet die Partei jener Leute, die in ihrer Gründungsphase den liberalen Gedanken bis über die Schmerzgrenze hinaus strapaziert haben, ruft nach einem Verbot. In deutschen Kantinen soll nach dem Willen der Gurkentruppe per Gesetz vorgeschrieben werden, dass an einem Tag pro Woche weder Fleisch noch Wurst, des Deutschen liebstes Gemüse, verkauft werden darf. Die Menüauswahl soll sich dann auf vegetarisch vs. vegan beschränken. Das sei gut für das Klima, so Künast weiter. Ich komme nicht umhin, ihr zuzustimmen, vor allem, wenn französische Zwiebelsuppe oder Bohnen mit Lauchgemüse serviert werden.

Wie sehr die Grünen im real existierenden Politikbetrieb angekommen sind, zeigt der Ruf nach einem Verbot. Es genügt nicht, dass in den meisten deutschen Kantinen bereits vegetarische Gerichte angeboten werde – und zwar täglich! – hier muss Big Sister Renate herrschend eingreifen. Ich ahne bereits, dass es dann auch einen „Make-Down-Day“ (einen Tag ohne Make Up)  geben wird, weil Kosmetika mit Hilfe von Tierversuchen entwickelt werden. Ein „Feierabendsprudel-Tag“ ohne Bier, ein „Hot-Water-Day“ (Kaffee ohne Kaffee, ohne Milch und ohne Zucker) und ein „Bio-Kondom-Tag“ (Jute statt Plastik) werden folgen. Man könnte den Bürgern jeden Tag etwas verbieten und sie so von der lästigen Mühe eigener Entscheidungen befreien. Jedes Verbot ließe sich sicherlich auch ökologisch begründen und nachhaltig verfolgen. Nur den „Keinen-Senf-Tag“, einen Tag ohne debiles Politikergeschwätz, wird es vermutlich niemals geben.


„Grüne wollen uns das Fleisch verbieten!“ titelt bereits die BILD-Zeitung, jener unerschrockene Kämpfer für die deutsche Grillgemütlichkeit. Ich stimme selten mit dem amtlichen Stammtisch-Sprachrohr überein und auch wenn mein wöchentlicher Fleischkonsum eher gering ist, so will ich mir dennoch nicht in meinen täglichen Speiseplan hineinreden lassen.  Wenn ich morgen Lust auf eine Gemüsesuppe habe, will ich nicht bis zum „Veggie-Day“ warten müssen.

Mittwoch, 31. Juli 2013

Rückgaberecht

Hei, wie lustig das Fett spritzt, wenn jemand ins Näpfchen springt, nicht wahr, Jan Ullrich? Man solle Lance Armstrong die sieben wegen Dopings aberkannten Toursiege zurückgeben, weil niemandem damit geholfen sei, wenn in den Siegerlisten nur Striche stünden, verlautbarte der einstige Vorzeigestrampler der Telekom-Mannschaft in der Sport-Bild. Die Zeit sei damals eben so gewesen, so Ullrich weiter.

Der einzige deutsche und noch nicht aus der Siegerliste gestricheneTour-de-France-Gewinner (1997), der 1997 und 2003 zum „Sportler des Jahres“ gewählt wurde, ist ein überführter Doping-Sünder. Die religiöse Komponente dieses Vergehens leuchtet mit nicht ganz ein, denn in meinen Augen ist Ullrich ein Doping-Betrüger. Er hat nicht wider den Herrn gehandelt, sondern wider die Bestimmung, die besagt, dass leistungssteigernde Mittel im sportlichen Wettkampf verboten sind. Wer sie dennoch einsetzt, ist ein Betrüger. Selbst Ullrich sollte das mittlerweile erkannt haben.

Man mag es Borniertheit nennen, Arroganz, Unverbesserlichkeit oder schlicht Dummheit. Vielleicht hinkt Ullrichs Intelligenz hinter der Anzahl seiner Pedalumdrehungen pro Minute zurück, vielleicht aber liegt dem Ganzen auch ein raffinierter Plan zugrunde. Möglicherweise wurde Ullrich von zwielichtigen Männern und Frauen angestachelt. Er ist vielleicht nur die dumpfbackige Speerspitze einer Bewegung, die für ein uneingeschränktes Rückgaberecht kämpft. Sollte sich Ullrich mit seiner Idee durchsetzen, dann werden viele andere jubeln. Guttenberg, Koch-Mehrin und Schavan erhalten ihre Doktortitel zurück, der Fälscher Konrad Kujau bekommt seine Hitler-Tagebücher wieder und Frankreich das Saarland. Möglicherweise stecken auch die Anwälte von Uli Hoeneß dahinter und der Vorsitzende des Aufsichtsrats der FC Bayern München AG wird seine hinterzogenen Steuermillionen behalten.

Ich weiß, ich weiß, für eine Verschwörungstheorie ist das ziemlich dämlich, aber was soll man machen? Es muss einen Grund geben, warum Ullrich diese Aussage einem Journalisten in den Block diktiert hat. Wenn man hier Ursachenforschung betreibt, dann stößt man jedoch auf einen bemerkenswerten Sachverhalt. Im Jahre 2008 hat Ullrich einen Prozess gegen Günther Dahms, den früheren Chef des Coast-Rennstalls, gewonnen, weil Dahms die Zahlungen aus einem Drei-Jahres-Vertrag zwischen Ullrich und Coast mit der Begründung eingestellt hatte, Ullrich habe im ersten Quartal 2003 gedopt. Ullrich hat diese Vorwürfe damals vor Gericht unter Eid bestritten und so den Prozess gewonnen, der ihm 340.000 Euro plus Zinsen eingebracht hat. Knut Marel, der damalige Anwalt von Dahms, will Ullrich jetzt wegen Falschaussage anzeigen und dem einstigen Pedaleur droht bei einer Verurteilung eine Gefängnisstrafe von nicht weniger als einem Jahr. In diesem Licht betrachtet, handelt Ullrich äußerst klug. Er kann nicht verurteilt werden, wenn seine Unzurechnungsfähigkeit festgestellt wird. Mit seinen geistigen Arschbomben in die Fettnäpfchen tut er zumindest alles dafür.


Sonntag, 28. Juli 2013

Tagebucheintrag eines Unsterblichen

aus dem Tagebuch des Giacomo Casanova
28. Juli 2013

Über zweihundert Jahre ist es nun her, seit ich meinen letzten Atemzug ausgehaucht habe. Zwei Jahrhunderte, in denen das Können längst vergangen, das Wollen mir aber stets erhalten geblieben ist. Welche Plage, welche Marter war es in den ersten Jahren, all die begehrenswerten Frauen zu sehen und gleichzeitig nicht einmal eine Locke ihres Haares berühren zu können. Geisterhaft und körperlos blieb mir lediglich die Betrachtung und doch habe ich im Lauf der Zeit ein Vergnügen daran gefunden, das zu Lebzeiten ich mir nicht im Entferntesten vorzustellen vermocht hätte.

Wenn es jemals etwas gab, das mich interessiert und meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, dann war es das Wesen der Frau. Mit meinem Tode dem alternden Körper entflohen hatte ich Muße, mich völlig und ausschließlich dem Studium des anbetungswürdigsten aller Geschöpfe hinzugeben. Wie oft habe ich sie betrachtet, während das Rad der Zeit sich unaufhaltsam weitergedreht hat, mit wechselnden Moden und sich ändernden Schönheitsidealen! Das Wesen der Frau mag dabei stets gleich geblieben sein, ihr erwachendes und später beständig wachsendes Selbstbewusstsein jedoch hat viele auf eine Art erblühen lassen, die zu meinen Lebzeiten noch undenkbar gewesen war. Ich will die vergangenen beiden Jahrhunderte hier nicht Revue passieren lassen, noch will ich bedeutende Ereignisse schildern. Man mag dies getrost in den Geschichtsbüchern nachlesen. Meine heutige Betrachtung währt nur einen kurzen Augenblick in der langen Geschichte weiblicher Offenbarung.

Seit den Zeiten des Homer und seiner Helden waren die Leibesertüchtigung und der sportliche Wettkampf eine Domäne ausschließlich zumeist junger Männer. Die Wiederbelebung des olympischen Geistes durch den französischen Pädagogen und Historiker Pierre de Coubertin Ende des 19. Jahrhunderts öffnete jedoch den Frauen ein Feld, auf dem sich zu tummeln zu mancher Augenweide geführt hat, die ich heute nimmer mehr missen möchte. In den letzten beiden Wochen habe ich unzählige Frauen dabei beobachtet, wie sie ihre Kunstfertigkeit, einen Ball mit Füßen zu treten, im sportlichen Wettkampf unter Beweis gestellt haben. Den Liebhabern dieser Beschäftigung sei dies auf das Wärmste empfohlen, denn jener große Graben, der Männer und Frauen jahrzehntelang getrennt hatte, existiert längst nicht mehr. Auch wenn heute an den Stammtischen dörflicher Wirtshäuser noch hie und da die gegenteilige Meinung vertreten wird, so rufe ich jenen Ignoranten zu, dass sie Narren seien und blind für das, was dem männlichen Auge eine solche Wohltat beschert.

Vielen würde ich Unrecht tun, ließe ich sie hier unerwähnt und doch muss ich mich beschränken, um den Leser mit einer unendlich erscheinenden Liste nicht gar zu sehr zu langweilen. So seien hier Exempel gegeben, die auch für jene anderen stehen, welche mein Auge ergötzt und mein Herz erfreut haben.  Welch holde Anmut erblüht auf dem Gesicht einer Louisa Nécib, welch kühle Schönheit zeigt uns Josefine Öqvist und wie begehrenswert erscheint mir die jugendliche Frische einer Anouk Hoogendijk? Viele der schönsten Frauen Europas verzaubern uns mit ihrem Spiel, ihrem Können und ihrem Willen zu triumphieren. Welcher Mann träumt nicht von der grenzenlosen Leidenschaft begehrenswerter Frauen und wie viel davon sahen wir beim Wettkampf zwischen Deutschland und Schweden? Mein Herz flog Lena Goeßling zu, die ob der Anstrengung heftig atmend mit glühenden Wangen und unbeugsamem Blick ihre Gegenspielerin beobachtete, während sich ihr Busen hob und senkte. So manches Mal schnalzte ich mit der Zunge, wenn Lena Lotzen, deren Beschreibung nur eine Ode gerecht werden könnte, ihre Gegenspielerinnen mit artistischer Raffinesse übertölpelte, einer Kunstfertigkeit, die selbst so manchen gestandenen Innenverteidiger der Bundesliga vor Neid erblassen ließe. Das herausragende Können einer Stina Lykke Petersen, auf die ein einziger Blick zu werfen mir genügte, um sie in mein Herz zu schließen, bescherte den Däninnen mit ihren Paraden und drei gehaltenen Elfmetern den Einzug ins Halbfinale. Noch seitenweise könnte von der gazellenhaften Schnelligkeit einer Élodie Thomis, der schier unendlichen Ausdauer einer Simone Laudehr oder der beeindruckenden Präsenz einer Célia Okoyino da Mbabi schreiben, ohne dabei Dzsenifer Marozsán, Roberta D’Adda oder Margrét Lára Viðarsdóttir und so viele andere zu vergessen.


Wie begehrenswert sind all jene, in deren jugendlichen Körpern die Leidenschaft brennt und welche Anziehung übt der Selbstbewusstsein versprühende Blick dieser Frauen auf mich aus! Welcher Mann, in dessen Lenden noch der Trieb sich regt, kann dieses Spektakel, dieses exquisite Schauspiel wetteifernder und in höchstem Maße appetitlicher Körper, sich entgehen lassen, wenn selbst in mir, der ich doch allen körperlichen Genüssen längst entsagen musste, das Verlangen ob dieses Anblicks noch immer lodert! Noch einmal rufe ich Euch zu, dass ihr Narren und unverbesserlich seid, wenn ihr heute Abend dem letzten Spiel nicht beiwohnen möget, wenn im finalen Wettstreit Schönheit gegen Schönheit steht und das Auge des Betrachters sich nicht abwenden kann, ohne die Gefahr heraufzubeschwören, einen erhabenen Augenblick zu verpassen, in der sich einer jener schönsten Funken der Schöpfung Gottes uns offenbart: eine leidenschaftliche Frau!

Freitag, 26. Juli 2013

Er hat noch Vertrag

Viel zu oft höre oder lese ich Sätze, bei denen ich mich frage, ob der Sprecher oder Schreiber einen Schulabschluss besitzt, der das Fach Deutsch einschließt. Ich meine hier nicht Otto Normalverbraucher oder ganz allgemein Menschen, für die Sprache lediglich ein Mittel zur Kommunikation ist. Ich schreibe hier von Leuten, denen die deutsche Sprache als Broterwerb dient und von denen man annehmen sollte, dass sie diese Sprache auch beherrschen, in der sie sich auszudrücken versuchen. Die Rede ist von Journalisten.

Wer nicht gerade als Quereinsteiger für die Medien arbeitet, hat meist Journalismus, vielleicht auch Germanistik studiert. Warum diese Hochgebildeten jedoch mit Nachdruck den Niedergang der deutschen Sprache vorantreiben, ist mir ein Rätsel. Vielleicht finden sie es cool, wenn ihr Geschwafel so klingt, als wäre Deutsch ihre erste Fremdsprache. Sie ahnen vermutlich nicht einmal, dass es nicht cool, sondern einfach nur dämlich ist.

 „Mario Götze, Sie haben noch Vertrag bis 2014“, hörte ich einen Journalisten beim Interview mit einem talentierten Fußballspieler sagen. Sie haben noch Vertrag? Wo ist der an dieser Stelle notwendige unbestimmte Artikel „einen“ geblieben? Alle Fußballer haben mittlerweile Vertrag. Man hört es ständig und fragte sich zwangsläufig, ob ein korrekt gebildeter Satz die geistigen Fähigkeiten eines interviewten Sportlers überfordern würde oder die des Journalisten. „Und Sie, Herr Journalist“, möchte ich erwidern, „haben Sie noch Arbeitgeber?“

„Die deutsche Mannschaft, sie ist auf dem Platz“, erklärt uns ein anderer.  Woher kommt dieses völlig überflüssige „sie“? Welchen Sinn hat diese merkwürdige Satzkonstruktion und was will der Journalist damit ausdrücken? Warum ist sie plötzlich so sehr in Mode gekommen, nicht nur im Sport, sondern generell („Der Wald, er erholt sich“ oder „Die Antarktis, sie wird kein Naturschutzgebiet“)?

Irgendjemand muss den Journalisten beigebracht haben, dass eine Frage durch das Wort „wie“ gekennzeichnet ist und seither stürmen die Pressevertreter mit ihren rhetorischen Scheuklappen durch den Mediendschungel, ohne nach rechts oder links zu sehen. Beim Interview mit dem CSU-Abgeordneten Manfred Weber fragte der Vertreter der Südwest-Presse: „Wie überrascht sind Sie von der Ausspäh-Affäre?“ Kann Herr Weber diese Frage überhaupt vernünftig beantworten? Welche Facetten bietet Überraschung, aus denen man auswählen kann? Noch  weniger verständlicher ist die Frage eines Vertreters von op-online: „Herr Müller, wie groß ist die Enttäuschung bei Ihnen, jetzt, fünf Tage nach der Wahl?“ Was soll Herr Müller erwidern, einen Metzer sechsundsiebzig vielleicht? In welcher Einheit misst man Enttäuschung?

Gestern stach mir eine Schlagzeile bei web.de ins Auge und ich bin froh, dass ich keine Verletzung davongetragen habe. In großen Lettern stand zu lesen: Kann Lena „Supertalent“? Ich konnte es kaum glauben und las die Zeile noch einmal: Kann Lena „Supertalent“? Wer Lena ist, interessiert mich nicht, doch ich möchte dem Verfasser dieser Schlagzeile entgegenrufen: „Hast du deutsch?“


Mittwoch, 24. Juli 2013

Zweiter Tag der Empörung

Vorgestern habe ich über das Thema "Steuerverschwendung" geschrieben, ein Tatbestand, der im Gegensatz zur Steuerhinterziehung nicht strafbar ist. Es ist demnach völlig legal, Millionen und Milliarden Euro aus dem Fenster zu werfen, gleichzeitig aber neue Schulden aufzunehmen, deren Zins und Tilgung dem Steuerzahler aufgebürdet wird. Alleine die Überschreitung der kalkulierten Kosten für "Stuttgart 21" und den neuen Berliner Flughafen kostet uns einhundert Millionen Euro Zinsen - jährlich!

Einhundert Millionen Euro Zinsen jährlich, und das nur, weil in den entscheidenden Positionen Dilettanten sitzen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben? Das ist absurd, grotesk, erschreckend - und nicht hinnehmbar! Die Baugruben in Berlin und Stuttgart werden offensichtlich nicht mit Beton, sondern mit Geld ausgegossen. Fatalerweise sind das nur zwei Beispiele von vielen. Wer weiß, wie viel Geld tatsächlich Jahr für Jahr in Rauch aufgeht, während es langsam durch dem Kamin davonweht?

Wir alle müssen dieses Geld erwirtschaften und in Form von Steuern an den Staat abführen. Sie werden uns nicht nur vom Einkommen abgezogen. Wir zahlen auch Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer, KFZ-Steuer, Ökosteuer, Versicherungssteuer, Branntweinsteuer, Hundesteuer, den Soli und so weiter und so fort. Die Liste ist lang und die Steuereinnahmen sprudeln. Verfügungsberechtigte sind die Minister, die das Geld mit stetig wachsender Begeisterung ausgeben, denn schließlich ist es ja nicht ihr eigenes. Wenn der Topf leer ist, nimmt man neue Kredite auf, ohne dass die Schufa etwas zu melden hätte. Zins und Tilgung zahlen schließlich andere.

Steuern müssen erhoben werden, damit der Staat seinen Aufgaben nachkommen kann (innere und äußere Sicherheit, Gesetzgebung und Rechtsprechung, Verwaltung, Kindergärten, Schulen und Hochschulen, Verkehrswege etc.). Dass jedoch Unsummen von Steuergeldern Jahr für Jahr sinnlos - oder schlimmer noch: dilettantisch - verschleudert werden, ist empörend! Kaum jemand wird das anders sehen und deshalb rufe ich heute alle Bürger auf, ihre Empörung an die richtige Adresse zu richten:

Bundesfinanzministerium
Referat für Bürgerangelegenheiten

Tel: 03018 / 682 - 33 00


In seiner Eigenschaft als Bundesfinanzminister ist Wolfgang Schäuble der Hauptverantwortliche. Rufen Sie im Ministerium an und drücken Sie Ihre Empörung über die Steuerverschwendung aus! Je mehr Menschen sich daran beteiligen, desto mehr werden die Drähte glühen. 

Sie sind Bürger – machen Sie den sorgsamen Umgang mit Ihrem Geld zu Ihrer Angelegenheit! 
Es ist Wahlkampf – geben Sie der Politik ein Feedback und heizen Sie „denen da oben“ richtig ein! 
Beteiligen Sie sich an der Aktion "Tag der Empörung", ein einziger Anruf genügt!
Fordern Sie Freunde und Bekannte auf, es Ihnen gleich zu tun!
Sie sind Bürger, Souverän in diesem Staat. Politik und Verwaltung handeln in Ihrem Auftrag. Erinnern Sie sie daran, dass sie auch in Ihrem Interesse zu handeln haben!

Rufen Sie an!

Montag, 22. Juli 2013

Darf´s ein bisschen mehr sein?

Ein Milliönchen vielleicht? Oder zehn? Oder hundert? Was soll´s? Die Öffentliche Hand hat so viel Kohle – im Fachjargon: Steuergelder – und die muss unter die Leute gebracht werden, koste es, was es wolle. Das Blöde daran ist, dass „die Leute“ nicht ich bin und nicht Sie. Es ist nicht viel Platz unter der großen Gießkanne, mit der die Öffentliche Hand die eingenommenen Steuergelder ausschüttet. „Die Leute“ sind nur wenige Auserwählte, die unter dem übermäßigen Euroregen wachsen und gedeihen.

Steuerhinterziehung ist strafbar! Spätestens seit der Causa „Uli Hoeneß“ ist dies in das Allgemeinwissen der Bevölkerung eingedrungen. Sogar der Versuch wird strafrechtlich verfolgt. Das ist gut und richtig, doch warum ist Steuerverschwendung nicht strafbar? Wäre eine Strafverfolgung dieses Tatbestandes schlecht und falsch? Warum ist es der Öffentlichen Hand nicht untersagt, Jahr für Jahr Millionen und Abermillionen aus dem Fenster zu werfen? Vielleicht, so scheint mir, liegt es daran, dass „die Leute“, das heißt die richtigen Leute, unter dem Fenster stehen.

Bei der Steuerverschwendung geht es nicht um Peanuts, wie der alte Joe Ackermann einst zu sagen pflegte, sondern um richtiges Geld. Wie herrlich sich Steuergelder verschwenden lassen, zeigt das Beispiel „Elbphilharmonie“.  Im Jahr 2003 entschied sich der Hamburger Senat für den Bau eines neuen Konzerthauses. Die Planungen begannen 2004 und ein Jahr später (2005) wurde eine Machbarkeitsstudie vorgelegt. Der Anteil der Öffentlichen Hand am Bau des Konzerthauses wurde auf 77 Mio. Euro festgeschrieben, der Rest sollte aus Spenden finanziert werden. 2006 wurde der Auftrag öffentlich ausgeschrieben und ein Konsortium namens ADMANTA, bestehend aus der Commerzbank und dem Bauunternehmen Hochtief, erhielt den Zuschlag, das Projekt bis zum Jahr 2010 für 241,3 Mio. Euro zu realisieren. Der Anteil der Öffentlichen Hand wuchs dabei schwuppdiwupp auf 114,3 Mio. Euro. Durch Nachverhandlungen zwischen der Elbphilharmonie Hamburg Bau GmbH & Co. KG und der ADMANTA im Jahr 2008 stieg der Finanzierungsanteil der Öffentlichen Hand auf 323 Mio. Euro, mehr als das Vierfache der ursprünglichen Summe. Weitere Nachverhandlungen in den Jahren 2010 und 2011, bei denen man davon ausging, dass die Bauübergabe erst 2014 stattfinden könne, brachten weitere finanzielle Mehraufwendungen. 2012 einigte man sich auf eine Schlüsselübergabe für das Jahr 2016 für eine Gesamtsumme von 575 Mio. Euro., von denen die Öffentliche Hand 521 Millionen aufbringt. Im April 2013 wurde bekannt, dass die Einweihung erst 2017 stattfinden solle, fünf Jahre später als ursprünglich geplant. Als Gesamtkosten wird die Zahl von 789 Mio. Euro genannt. Ein Ende der Geschichte ist noch lange nicht in Sicht ...

700 Mio. Euro Mehrkosten bei der Elbphilharmonie, da kann einem schon einmal die Spucke wegbleiben, doch das ist bei Weitem kein Einzelfall. 500 Mio. Euro wurden bei der flügellahmen Drohne „Eurohawk“ versenkt – ohne Gegenwert! Der Bahnhof „Stuttgart 21“ sollte ursprünglich 2,45 Mrd. Euro kosten. Heute geht man von mindestens 6,7 Mrd. Euro aus. Es könnten aber auch 8,7 Mrd. Euro werden, das sind 6 Mrd. Euro zusätzliche Kosten. Der neue Berliner Flughafen wurde mit 1,7 Mrd. Euro kalkuliert (2004). Heute spricht man von Kosten in Höhe von 5,1 Mrd. Euro bis Ende 2014.

Eine Null kann nicht nur alle Probleme verzehnfachen, sie verzehnfacht auch die Kosten. Obwohl man mir als Geschichtenerzähler eine blühende Phantasie bescheinigt, gelingt es mir dennoch nicht, mir die Dilettanten vorzustellen, die all dies ausgehandelt, nachverhandelt und letztlich auch zu verantworten haben. Wie dämlich müssen die Entscheider sein, die sich immer wieder dermaßen über den Tisch ziehen lassen? Wie grotesk ist es, einen Vertrag zu unterschreiben und hinterher die zehnfache Summe für die bestellte Leistung zu bezahlen? Ist Steuerverschwendung die neue Trendsportart in den deutschen Amtsstuben geworden? Wie viele Kalorien verbrennt ein Politiker, wenn er 500 Millionen Euro aus dem Fenster wirft? Schafft man 5 Milliarden alleine oder braucht man dazu ein gut trainiertes Team? 

Die drei genannten Beispiele sind nur die derzeit prominentesten. Der Bund der Steuerzahler (BdSt) gibt jedes Jahr ein Schwarzbuch heraus, in dem er die Steuerverschwendung anprangert (Infos auf der Webseite www.steuerzahler.de). Sogar ein Gutachten über die Strafwürdigkeit der Steuerverschwendung wurde bereits erstellt, doch wen interessiert das? Mich! Und Sie hoffentlich auch, denn es ist UNSER Geld, das aus der großen Kanne gegossen wird. Für mich wird es höchste Zeit, meine Empörung darüber zum Ausdruck zu bringen. Für Sie vielleicht auch – der Mittwoch wäre ein guter Tag dafür.